203 Tage als Geiseln des Hamas-Terrorregimes

Seit meinem letzten Post sind Monate vergangen. Ein Teil der Geiseln in der Gewalt des palästinensischen Hamas-Terrorregimes wurde im November freigelassen, im Zuge eines vorübergehenden Waffenstillstands und der Freilassung in Israel inhaftierter palästinensischer Terroristen und Sicherheitshäftlinge. Noch werden über 130 Israelis im Gazastreifen unter unzumutbaren Bedingungen gefangen gehalten.

Familie von Matan Angrest (21), der seit dem 7.10. als Geisel der Hamas im Gazastreifen gefangen gehalten wird

In letzter Zeit finden immer mehr Aktionen für die Freilassung der Geiseln statt. Die Zeit vergeht und die Chance, die Geiseln je wieder lebend zu sehen, schwindet.

Ein Passahfest zum Heulen

Diese Woche „feiern“ wir das Passahfest, das Fest der Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei. Das Fest steht symbolisch für „Herut“, zu Deutsch „Freiheit“. Doch während die Knessetabgeordneten in ihren Passah-Urlaub gehen, um mit ihren Familien das Fest zu begehen, haben die Familien der Geiseln keinen Urlaub, ebenso wenig wie die Geiseln in der Hamas-Gewalt.

Angehörige der Familie Bibas, von denen Mann, Frau und zwei Kinder (1 Jahr und 4 Jahre alt) durch die Hamas entführt wurden

Täglich finden in Tel Aviv nahe des Verteidigungsministeriums Aktionen für die Freilassung der Geiseln statt. Mindestens einmal die Woche treffen sich viele Tausende – zum Teil über 100.000 – am „Platz der Entführten“. Man braucht nur in die Gesichter der Väter, Mütter und Geschwister der Geiseln blicken, um ihren Schmerz zu sehen. Immer wieder entsendet die israelische Regierung Unterhändler nach Katar oder Ägypten oder sonstwo hin, die dann wieder mal erfolglos zurückkehren. Man hört, dass mal die israelische Regierung, mal die Hamas nicht bereit ist, von den hoch gesteckten Verhandlungszielen abzuweichen.

Die Befreiung der Geiseln

Letzten Freitag bildeten sich an zahlreichen Stränden Israels Menschenketten, um die Regierung auf einen Deal für die Freilassung der Geiseln zu drängen. Die Farbe Gelb steht als Zeichen der Verbundenheit mit den Geiseln und deren Familien. Das Motto lautet #BringThemHomeNow. Viele (die meisten?) Israelis sehen es als allererstes Gebot, die Geiseln baldmöglichst und lebend frei zu bekommen. Doch geht man heute davon aus, dass über 30 der 133 im Gazastreifen befindlichen Geiseln bereits tot sind bzw. ermordet wurden. Manche sprechen sogar davon, dass es keine 40 lebenden Geiseln mehr im Gazastreifen gibt.

Zahlreiche Badende schlossen sich der Menschenkette am Strand von Tel Aviv an. Hier geht es um den Erhalt des Lebens. Manchen israelischen Politikern ist aber die Vernichtung der Hamas die dringlichste Aufgabe. Nur darin sehen sie die Möglichkeit, dass die Menschen hier wieder in ihre Häuser entlang des Gazastreifens zurückkehren können und die Gefahr aus Gaza auf Dauer gebannt ist.

Entlang zahlreicher Strände an der Küste Israels, wie hier in Tel Aviv, bilden sich Menschenketten in Solidarität mit den Familien der Geiseln, um auf einen Deal für deren Befreiung zu drängen

International steigt der Druck auf die Netanyahu-Regierung, den Krieg im Gazastreifen zu beenden und den humanitären Bedürfnissen der Palästinenser nachzukommen. Giora Eiland, früherer Sicherheitsberater unter Ariel Sharon, kritisierte die Netanyahu-Regierung, dass diese von Anfang an für die Befreiung der Geiseln nur auf militärischen Druck setzte (siehe Interview in der englischsprachigen Times of Israel). Israel hätte die Stärke der Hamas unterschätzt und dabei zwei Schwachpunkte der Terrororganisation außer Acht gelassen:

  1. Israel „hatte von Anfang an darauf verzichtet, eine Organisation oder alternative Kontrollmöglichkeiten für Gaza zu organisieren oder dafür offen zu sein.“ Laut Eiland war das „ein strategischer Fehler. Die Welt fragte, was der Plan nach Hamas war, und Netanyahu wollte es nicht sagen.
    Was wir hätten sagen sollen, war: Keine Hamas auf der einen Seite und keine israelische Besatzung auf der anderen Seite. Alles andere ist verhandelbar, und wir sind bereit, dies mit allen globalen und arabischen potenziellen Akteuren, einschließlich der Palästinensischen Autonomiebehörde, zu besprechen.“
  2. Israel hatte den Fehler gemacht, die Hamas mit dem Islamischen Staat (IS) zu vergleichen. Laut Giora Eiland „war der IS eine Bande von Verrückten aus Bagdad, die ungehindert die Kontrolle über den westlichen Irak und die dort lebenden Menschen übernahmen. Aber er repräsentierte nicht die Bevölkerung, weder in Mossul noch anderswo. Gaza ähnelt eher dem Deutschland der 1930er Jahre, wo eine extremistische Partei Wahlen gewann, mit der Unterstützung der meisten Menschen, und schnell das Militär und die Zivilregierung zu einer Einheit vereinte. In Gaza hat Hamas mit der Unterstützung vielleicht 80% der Bewohner weitgehend dasselbe getan. Es ist ein de facto Staat, mit allen Merkmalen eines Staates.
    Am 7. Oktober passierte nun, dass der Staat Gaza Krieg gegen den Staat Israel führte. Staat gegen Staat. Nun, der Staat Gaza hat Schwachstellen. Er verfügt nicht über ausreichend Treibstoff, Nahrungsmittel und Wasser für sich selbst. Sie können einen legitimen Boykott gegen diesen Staat verhängen, bis der Staat alle Ihre Geiseln freigibt. Humanitär für humanitär.“

Obwohl diese Optionen verspielt wurden, kann laut Eiland auch jetzt noch ein annehmbares Ergebnis erreicht werden. Giora Eiland schlägt vor: „Wir [Israel] sind bereit, den Konflikt zu beenden und in der Endphase dieses Prozesses einen vollständigen Truppenabzug durchzuführen. Unter einer Bedingung: dass alle Geiseln zurückgegeben werden.“ Darüber hinaus ließen sich noch weitere Ziele erreichen. Z.B. könnte man den Aufbau des Gazastreifens davon abhängig machen, dass die Hamas nicht mehr regiert.

Anmerkung: Über den Zusammenhang zwischen den Nazis und dem Nahen Osten und speziell der Hamas, siehe z.B. das Buch von Matthias Küntzel "Nazis und der Nahe Osten - wie der islamische Antisemitismus entstand". Oder das von Klaus Michael Mallmann und Martin Cüppers herausgebrachte Buch „Halbmond und Hakenkreuz: Das Dritte Reich, die Araber und Palästina“ (siehe meine Buchbesprechung in dem Link).

Der Iran tritt ins Rampenlicht

Seit etwa zwei Jahren schmuggelt Iran verstärkt Waffen in das Westjordanland. Mit dem Hamas-Angriff am 7. Oktober und dem damit einhergehenden Aufruf zur Vernichtung Israels steigt auch die Gefahr eines Angriffs aus dem Westjordanland und damit eines Drei-Fronten-Kriegs (Gaza, Libanon und Westjordanland). Vor diesem Hintergrund führte Israel am 1. April des Jahres einen Luftangriff auf ein iranisches Konsulatsgebäude in Syrien aus, in dem sich der Oberbefehlshaber der Quds-Einheit Muhammad Reza Zahedi zusammen mit anderen iranischen Offizieren aufhielt.

Bislang arbeitete der Iran an der Vernichtung Israels über Proxies wie die Hisbollah im Libanon oder die Huthi im Jemen, oder eben die Hamas. Ein weiteres Beispiel iranischer Agitation war der Bombenanschlag auf das jüdische Zentrum in Buenos Aires/Argentinien im Jahr 1994, bei dem 85 Menschen getötet und Hunderte verletzt wurden (der Zeitpunkt macht auch deutlich, dass es dem Iran weniger um die Unterstützung der palästinensischen Unabhängigkeit als mehr um die Ermordung von Juden geht!).

Doch zurück zu den jüngsten Ereignissen. Am 13. April folgte der iranische Gegenschlag zur israelischen Bombardierung des als militärische Operationszentrale verwendeten „Konsulats“. Damit greift der Iran erstmals Israel direkt an! Über 300 Marschflugkörper, Drohnen und vor allem ballistische Raketen sollen zeitgleich Ziele in Israel zerstören. Die Drohnen dienen vor allem dazu, die Raketenabwehr Israels zu überlasten, damit die mit über 500 kg Sprengladung bestückten Raketen ihre Ziele erreichen können.

Wir hatten hier eine lange Nacht, denn anfangs war es noch unklar, welche Ziele diese Raketen und Drohnen ansteuern, bzw. wie viele noch kommen werden. Iran hat aber nicht das Ballungsgebiet um Tel Aviv mit etwa 4 Millionen Menschen ins Visier genommen, wohl bewusst, da dies zu einer dramatischen Eskalation geführt hätte. Israel begnügte sich letztlich mit der erfolgreichen Landesverteidigung (zusammen mit den USA und anderen Alliierten) und dem darauffolgenden gezielten „Ausschalten“ einer einer Radaranlage im Iran. Letzteres sollte den Iranern zeigen, dass Israel zuschlagen kann, ohne dass der Iran eine geeignete Abwehr hat.

Das Ende des Krieges

Israels Regierung hat sich auf die Fahne geschrieben, die Hamas zu besiegen, was auch immer das bedeuten mag. Doch kann es überhaupt einen militärischen Sieg über eine Ideologie geben? Andererseits fordert die ganze Welt einen sofortigen Waffenstillstand. Giora Eiland verglich das Hamas-Regime mit dem Naziregime in Deutschland, ein durchaus gerechtfertigter Vergleich (siehe auch meine Leseempfehlungen weiter oben).

Wenn man die Situation im Gazastreifen aber mit der Situation von Deutschland im Jahre 1944 vergleicht, stellt sich unweigerlich die Frage, was aus Deutschland geworden wäre, wenn die Alliierten nicht ganz Deutschland erobert und besetzt hätten? Wahrscheinlich wäre ich dann in einer braunen Uniform zur Schule gegangen und überall wehten noch die Hakenkreuzfahnen. Sicherlich hätten sich die Deutschen viel Leid ersparen können, wenn sie das Naziregime selbst gestürzt hätten.

Churchill und Roosevelt hatten lange vor Kriegsende über die Zeit nach dem Krieg diskutiert. Die EU ist ein direktes Ergebnis der britisch-amerikanischen Nachkriegsstrategie, die nationalistischen Extremismus und einen weiteren Weltkrieg von Deutschland bzw. Europa ausgehend verhindern sollte. Mit den Nürnberger Prozessen wurden aber auch die wichtigsten Naziverbrecher (leider nicht den palästinensischen Amin Al-Husseini, der entkam) vor Gericht gestellt und verurteilt. Zudem fand in Deutschland eine Entnazifizierung statt.

Von all dem kann bei der Hamas und den Palästinenser zur Zeit nicht die Rede sein. Nach wie vor werden im Westjordanland antisemitische Textbücher verwendet, auch in den UNRWA-Schulen. Kein Wunder, dass die Hamas mit ihrem Leitmotto der Vernichtung Israels noch immer eine hohe Beliebtheit hat: 59% der Bevölkerung im Gazastreifen wünscht sich nach dem Krieg eine Hamas-Regierung, während ganze 66% der Palästinenser im Westjordanland die Hamas an der Regierung sehen wollen. In den selbständigen Gebieten des Westjordanlands regiert zur Zeit die weitgehend unbeliebte Palästinensische Autonomiebehörde unter Mahmoud Abbas, der wiederum der Favorit der westlichen Welt ist.

Die antisemitischen Demonstrationen weltweit tragen auch nicht dazu bei, die Palästinenser in die Unabhängigkeit zu führen. Durch die „free Palestine“ Bewegung wird zunächst die Hamas und der Terror gestärkt. Was leider fehlt ist eine aufbauende Kraft in der palästinensischen Gesellschaft. Solange aber die Vereinten Nationen, die UNRWA, Amerika, die EU und andere Geberländer Geldmittel ohne konkrete Gegenforderungen an die Palästinenser bereitstellen, wird damit immer wieder der Terrorismus finanziert.

Aufkleber an einer Bushaltestelle in Tel Aviv mit dem Bild von Bibi Netanyahu und der Überschrift „Du hast versagt.“

Sicherlich hängt vieles von der israelischen Regierung ab, deren Politik immer wieder stark von außen und von innen kritisiert wird. Die Hauptverantwortung für das Los der Palästinenser im Gazastreifen fällt aber unweigerlich auf die Hamas bzw. auf die Palästinenser selbst. Die Hamas könnte durch eine Freisetzung aller Geiseln Israel zu einem sofortigen Waffenstillstand und sogar Rückzug der israelischen Truppen bewegen. In einer zweiten Variante, in der die Palästinenser im Gazastreifen die Hamas stürzen und die Freisetzung der Geiseln bewirken, gäbe es zudem gute Voraussetzungen für einen schnellen Aufbau des Gazastreifens. Es wird höchste Zeit, die Palästinenser ernst zu nehmen, das heißt sie als ganze Menschen zu betrachten, die auch eine (Selbst-)Verantwortung tragen. Das würde allen gut tun.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln werden. Natürlich trage ich die Hoffnung, dass der Krieg bald zu Ende ist.

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