Israel im Krieg – Neujahrstag 2024

Den Silvesterabend verbrachte ich mit Emails und WhatsApp-Meldungen versenden. Schließlich möchte ich meinen Freunden auch das Beste zum Neuen Jahr wünschen. Nicht alle Meldungen, die ich bekam, waren froh. Die Schwiegermutter eines guten Freundes war just verstorben, viel zu früh. Sowieso war niemand bei mir Zuhause in Feierstimmung. Meine Frau ging früh zu Bett, sie hatte einen langen Tag vor sich.

Luftangriffe auf Israel
Zum Neuen Jahr: Raketenangriffe aus dem Gazastreifen auf Israel

Obgleich das jüdische Neujahr nicht am 1.1. beginnt, der jüdische Kalender nicht erst das Jahr 2024 schreibt, sondern 5784, feiern doch in den letzten Jahren viele Israelis das christliche Neujahr. Warum auch nicht – so haben wir zwei Feiertage. Normalerweise sieht man auch zu Mitternacht des 31.12. ein vielleicht bescheidenes Feuerwerk im Vergleich zu den Feuerwerken in Europa.

Ich saß zu Mitternacht vor dem Computer und las Artikel der New York Times und der israelischen Nachrichten-Webseite HaMakom Hachi Cham BaGehenom – „der heisseste Platz in der Hölle“. Plötzlich um 00:02 hörte ich entfernte Explosionen. Zuerst dachte ich, das sind Raketen, dann kam die Frage, warum es keine Sirenen gab? Vielleicht doch ein Feuerwerk? Irgendwie waren aber die Explosionen zu familiär.

Wie sich herausstellte, bescherte uns dieses Jahr die Hamas aus dem Gazastreifen mit ihrem Feuerwerk. In den letzten 24 Stunden gab es 108 Angriffe (davon einige aus dem Libanon), die meisten um ca. 00:02. Tel Aviv wurde nicht beschossen, aber Dutzende Orte etwas südlicher und in Richtung Jerusalem. Im Hundepark erfuhr ich heute von der Dogwalkerin mehr darüber. Gestern half sie einer Freundin beim Umzug in ein Haus nahe Beit Dagan, einige Kilometer südöstlich von Tel Aviv. Als dort kurz nach Mitternacht die Sirenen losgingen, rannten sie – noch unvertraut mit der Umgebung – über dunkle Feldwege ca. 300m zum nächsten Bunker, mit einem dreijährigen Kind in den Händen.

Einer der Artikel, die ich in dieser Nacht las, war ein Interview von Francesca Borri mit dem Hamas-Führer Yahia Sinwar in Gaza im Jahr 2018. Er wirkt nahezu grotesk, wenn man seine Äußerungen bez. Waffenstillstand (Hudna) mit dem Massaker der Hamas am 7.10.2023 vergleicht. Auf der hoffnungsvollen Seite gibt es zur Zeit auch einige (anonyme) Stimmen im Gazastreifen, die der Hamas überdrüssig sind.

Parallel dazu und etwas lauter erheben sich hier wieder die Stimmen gegen die rechtsextreme Regierung Netanyahus. Während des Krieges hält man zusammen, es ist ein Überlebensinstinkt. Die regierungskritischen Protestbewegungen und die Linke hat schon am 7.10. alles getan, den überfallenen Ortschaften um den Gazastreifen zu helfen. Mir fällt dabei Yair Golan ein, den ich vor einigen Jahren zusammen mit einer deutschen Reisegruppe traf, als er Knessetabgeordneter der linken Meretz-Partei war. Er zog am Morgen des 7.10. in Eigeninitiative seine israelische Offiziersuniform an und fuhr in seinem Toyota Yaris in das Kriegsgebiet. Dort evakuierte er Überlebende der Nova Party, wo kurz davor über 260 zumeist junge Israelis von der Hamas ermordet wurden. In den Tagen darauf besuchte er das Krisengebiet sowie Beduinen-Ortschaften.

Auf die Frage, ob die Leute ihn kritisieren würden, weil er Negev-Araber besucht habe, die zu einer weiteren feindlichen Front gegen Juden werden könnten, antwortete Yair Golan: „Wir begehen einen grundlegenden Fehler. Die Herausforderung für uns alle besteht darin, der gemäßigten Mehrheit die lauteste Stimme zu geben und nicht denjenigen eine Stimme zu geben, die eine politische Karriere darauf aufbauen, Hass zu schüren und den Zwist zu vertiefen.“ Ich schließe mich dieser Aussage an.

In der Hoffnung auf eine bessere Zukunft auch im Nahen Osten wünsche ich ALLEN ein besseres Neues Jahr 2024!

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