Masada mal anders

Hinweis: Die hier beschriebene Wanderung rund um Masada ist nur für schwindelfreie Bergwanderer in guter körperlicher Verfassung möglich. Voraussetzung ist kühles bzw. mäßig warmes Wetter (kein Regen), feste Wanderschuhe und genügend Wasser (im Winter 3 Liter pro Person).

Masada nach Sonnenaufgang – deutlich sieht man den Schlangenpfad und die Seilbahn

Anfang April machten mein Kollege Ofer Moghadam und ich eine Wanderung rund um Masada herum entlang der römischen Lager und hinauf auf Masada über die Rampe. Das Wetter war ideal – gerade mal um die 20-22°C und sonnig mit wenigen Wolken.

Das erste Ziel war der südlich gegenüber Masada liegende Berg Elazar („Elasar“ ausgesprochen), benannt nach dem jüdischen Rebellenführer Eleasar ben Ja’ir. Der sogenannte Elazar-Pfad beginnt kurz vor dem Masada-Besucherzentrum/Seilbahn und ist schwarz markiert. Wir beginnen den Anstieg frühmorgens um 7:30 Uhr. Der Weg ist steil, steinig und bietet keinen Schatten. Für die Anstrengungen werden wir mit einem Panorama belohnt, das seinesgleichen sucht. Immer wieder bleiben wir stehen und staunen nur (naja, ich knipse auch ein paar Fotos).

Kollege Ofer Moghadam im römischen Lager auf dem Berg Eleasar

Auf dem Gipfel des Berges Elazar, der übrigens etwa 40m höher als Masada ist, befindet sich auch ein sehr gut erhaltenes römisches Lager. Immerhin wurde das Lager vor beinahe 2000 Jahren erbaut, im Jahre 73 oder 74 unserer Zeitrechnung. Laut Flavius Josephus, einem jüdischen Rebellenführer mit Karrierewechsel zum römischen Historiker, standen sich damals 15000 Belagerer, davon 8000 Soldaten und Kämpfer, gegenüber 967 Männer, Frauen und Kindern als Verteidiger gegenüber. Trotz der zahlenmäßigen Überlegenheit der Römer war es kein leichtes Unterfangen, die Bergfestung Masada zu erobern.

Masada, wörtlich übersetzt „Festung“, scheint wahrhaft unbezwingbar zu sein. Mehr als 300m hoch ragt das Plateau über seine Umgebung. Außerdem ist die Festung von einer Doppelmauer umgeben. Die steilen Zugangspfade werden am Ende durch gut befestigte Tore gesichert. Sowieso müssten die Angreifer hintereinander in einer Schlange gehen, so eng und steil sind die Wege.

Herodes lies auf Masada riesige Vorratslager errichten

Proviant hatten die jüdischen Verteidiger genug, mit riesigen Vorratslagern und zahlreichen Zisternen hätten sie jahrelang ausharren können. Währenddessen mussten die Römer jeden Tropfen Wasser und die gesamte Verpflegung aus dem 20km entfernten Ein Gedi herbeischaffen.

Blick vom Berg Eleasar auf Masada: links sieht man den Pfad, der die römischen Lager verbindet und zur Rampe führt

Wir folgen jetzt den roten Markierungen Richtung Norden zur römischen Rampe. Zunächst manövrieren wir einen steilen Abhang mit viel Geröll. Unten führt der Weg an einem weiteren römischen Lager vorbei und steigt dann leicht an bis zur Rampe. Über die römische Rampe gelangen wir in die Bergfestung (Eintrittskarten müssen bereits vorher erworben werden, oder können an der Kasse westlich der Rampe beschafft werden).

Als Reiseleiter waren wir beide unzählige Male auf Masada, daher nehmen wir uns die weniger besuchten Sehenswürdigkeiten auf der südlichen Seite der Hochebene vor. Keinesfalls darf der Swimmingpool fehlen, ein nahezu olympisches Schwimmbecken, dem auch in der 4-teiligen Miniserie „Masada“ mit Peter O´Toole in der Rolle des römischen Kommandanten Lucius Flavius Silva eine Szene gegönnt wird. Dort sehen wir, wie die Rebellen sich in dem kühlen Wasser des Schwimmbeckens ergötzen, während die Römer auf dem Berg gegenüber vor Durst fast sterben. Man braucht nicht einmal die Sommerhitze von 40°C und mehr, um sich das Schauspiel bildlich vorstellen zu können. Selbst an diesem kühlen Frühjahrstag kamen wir schon gut ins Schwitzen, denn die Sonne ist hier unerbärmlich.

Herodianischer Swimmingpool – Wasser gab es für die Rebellen in Hülle und Fülle

Weiter gehen wir zur großen Zisterne. Die Stufen sind steil und man fragt sich, wie groß die Menschen damals waren? Die Zisterne ist einfach riesig – leicht könnte man hier eine Kapelle reinbauen. Die Akustik ist auch ganz gut.

Die große Zisterne auf der südlichen Seite Masadas

Nach Besichtigung der südlichen Doppelmauer, auch Kasemattenmauer genannt, machen wir uns auf den Weg zum Nordpalast, den Herodes für sich errichten ließ. Wir gehen gleich zur untersten Ebene, vermutlich dem Empfangsbereich. Die dort sichtbaren Fresken sind großenteils original. Wenn auch Herodes in der Überlieferung nicht gut wegkommt (Hinweis: er wurde vom Volk gehasst wie kaum ein Herrscher seiner Zeit, zudem wird ihm im Neuen Testament die Ermordung der Neugeborenen zugeschrieben), könnte heute sein Name ebenso gut für Qualität und solide Arbeit stehen. Trotz römischer Zerstörungswut, christlicher und islamischer Wiederverwertung, zahlreicher Erdbeben, allgegenwärtiger Witterung und den Millionen von Besuchern stehen die Reste seiner mittlerweile zwei Jahrtausende alten Bauwerke teilweise noch ganz gut da. Keine Epoche der langen Geschichte Israels findet mehr bauliche Zeugnisse als die Herrschaftszeit Herodes. Einzige Konkurrenz sind die Kreuzritter (und Benjamin Netanyahu).

Fresken schmücken die Wände der unteren Etage des Herodespalasts

Es gibt keinerlei Überlieferung, ob Herodes jemals in seinem Palast auf Masada verweilte. Josephus erwähnt, dass Herodes seine Familie (Mutter, seine Verlobte Miriam und 500 Konkubinen) bei seiner Flucht vor Antigonos dem Hasmonäer und den Parthern auf der ehemals von den Hasmonäern errichteten Festung Masada in Sicherheit brachte, bevor er nach Rom segelte und Marcus Antonius um Hilfe für die Machtergreifung bat. Der römische Senat wählte ihn überraschenderweise dann zum König. Später ließ Herodes die Festung Masada nach seinen Vorstellungen um- und ausbauen, etwas Komfort schadet ja keinem.

Wieder gilt es, Treppen zu erklimmen. Danach machen wir uns auf den Rückweg. Und weil mein Kollege so ein Sportskumpel ist, nehmen wir anstatt der Seilbahn oder dem kürzeren und populären Schlangenpfad den Botenpfad. Der Name kommt von den römischen Boten, die Nachrichten von den unteren Lagern nahe des Toten Meers hoch zum Hauptlager des Kommandanten überbringen mussten. Doch bevor wir den eher schwierigen Abstieg beginnen, werfen wir noch einen Blick auf den Nordpalast.

Blick vom Botenpfad auf Masada und den Nordpalast. Die Löcher im Berg sind Zisternen, in denen man Winters das Regenwasser sammelte, bevor es mit Eseln in die Festung geschafft wurde.

Von Weitem sehen die Etagen des Nord- oder Herodespalasts wie Treppen aus. In der obersten Etage befanden sich König Herodes´ Schlafgemächer. Die nächste Ebene beherbergte kleinere Empfangsräumlichkeiten, die unterste Etage war für größere Empfänge und Banketts gedacht. Selbstverständlich hatte Herodes auch sein eigenes römisches Bad und alle denkbaren Annehmlichkeiten seiner Zeit.

Blick Richtung Norden auf den Botenpfad – da gehen wir hinunter

Vor uns liegt nun der steile Abstieg. Teilweise sind Geländer und eiserne Griffe in die Felsen eingelassen, denn zu Anfang ist der Weg eher eine Kletterpartie. Spätestens jetzt merkt man, ob man wirklich schwindelfrei ist. Doch das Klettern ist der einfachere Teil des Wegs. Danach kommt nämlich ein langer, steiler Hang mit viel losem Geröll, den man mit äußerster Vorsicht navigieren muss.

Der Botenpfad: Hinter meinem Kollegen Ofer Moghadam sieht man die Belagerungsmauer, die die Römer rund um Masada errichtet haben.

Den schwierigen Teil überstanden, zieht sich der Weg noch ca. 1-1,5 km hin bis zum unteren Parkplatz, wo wir am Morgen unser Auto parkten. Der Weg folgt der Belagerungsmauer und den römischen Lagern.

Blick vom Botenpfad auf eines der römischen Lager und die Belagerungsmauer. In der Ferne sieht man das Tote Meer.

Normalerweise befinde ich mich sicher hinter der Kamera, quasi aus dem Schussfeld. Doch Ofer schaffte es tatsächlich, einige Fotos von mir zu machen. Hier befinde ich mich, wie so oft, mit der Kamera in der Hand am Rande des Abgrunds.

Im Bild: Heiko Sieger beim Fotografieren (Foto (c) Ofer Moghadam)

Am Ende der Wanderung waren wir beide erschöpft und glücklich zugleich, Masada einmal ganz anders gesehen zu haben: aus der Sicht der römischen Soldaten und Sklaven, die vor 2000 Jahren diese Wege gegangen sind. Den Weg nach Hause sind wir dann aber nicht mit Esel, Kamel oder gar zu Fuß, sondern mit einem ganz normalen Auto angetreten.

Bis demnächst in Israel,

Euer Heiko Sieger

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